Die Schweiz – europäisches Schlusslicht bei Schutzgebieten?

Rothenthurm

Zählt zu den 6,5 Prozent: Geschützte Moorlandschaft in Rothenthurm SZ (Foto: Lukas Denzler)

20. April 2015 – Die Mitteilung der wichtigsten Schweizer Natur- und Umweltschutzorganisationen Anfang März liess aufhorchen: Punkto Naturschutzgebiete liege die Schweiz im europäischen Vergleich abgeschlagen am Schluss. Dies zeige der jüngste von der Europäischen Umweltagentur veröffentlichte Umweltbericht. Dieser vergleicht unter anderem die in den europäischen Ländern ausgewiesene Fläche zugunsten der Biodiversität.

Die NZZ und der Tages-Anzeiger nahmen die Meldung auf, ohne die Zahlen gross zu hinterfragen. Die Sonntagszeitung zog kürzlich mit einem ausführlichen Bericht nach. In diesem kommt eine Mitarbeiterin des Bundesamtes für Umwelt zu Wort. Die Schweiz schneide mit einem Schutzgebietsanteil von 6,5 Prozent an der Landesfläche schlecht ab, weil nur national anerkannte Flächen in die europäische Statistik eingeflossen seien. Zähle man auch die kommunalen und kantonalen Schutzgebiete sowie die Waldreservate hinzu, komme man auf einen Anteil von etwa 11 Prozent. Aber auch so wäre das im Rahmen der Biodiversitätskonvention vereinbarte Ziel von 17 Prozent geschützter Landfläche – eines der so genannten Aichi-Ziele – noch längst nicht erreicht.

Zu fragen wäre, wie es dazu kommt, dass Deutschland eine geschützte Fläche von über 37 Prozent der Landesfläche ausweist, Frankreich eine solche von knapp 25 Prozent und Italien eine solche von mehr als 21 Prozent. Noch besser sieht es angeblich in einigen neuen EU-Ländern aus. Bulgarien weist einen Anteil von über 40 und Slowenien sogar einen solchen von über 50 Prozent aus. Wenn diese Flächen wirklich geschützt wären, hätten diese Länder die Aichi-Ziele mehr als erreicht.

Und spätestens jetzt ist offensichtlich: Die Grafik vermittelt ein schiefes Bild. Der Verdacht liegt nahe, dass hier Birnen mit Äpfeln verglichen werden. Und wer genau liest, findet im entsprechenden Unterkapitel im Umweltbericht denn auch: «Die Bezeichnung von geschützten Gebieten ist noch keine Garantie für den Schutz der Biodiversität».

Ein Schweizer Experte für den Naturschutz in der Schweiz und Europa bestätigt: Die osteuropäischen Länder hätten viele sogenannte Natura 2000-Gebiete ausgeschieden, weil man sich üppige EU-Gelder erhoffte. Deutschland sei überaus grosszügig gewesen mit der Berücksichtigung der Naturpärke (diese machen 27 Prozent der Landesfläche aus). Es ist zu vermuten, dass die deutschen Naturpärke eingerechnet wurden. Im Vergleich zu den Nachbarländern ist die Schweiz bei den Regionalen Naturpärken im Rückstand. Inzwischen machen diese aber auch schon mehr als 11 Prozent der Landesfläche aus; und die beiden Nationalparkprojekte Adula und Locarnese sind hier nicht eingerechnet. Die 11 Prozent sind in der europäischen Statistik nicht berücksichtigt.

Es geht hier nicht um die Frage, ob Naturpärke gezählt werden sollen oder nicht. Ganz bestimmt ist es aber nicht redlich, wenn mit einer Statistik, wie sie von der Europäischen Umweltagentur präsentiert wurde, argumentiert wird, ohne diese in ihren Kontext zu stellen. Dass die Schweiz bei den Naturschutzflächen nicht zu den europäischen Spitzenreitern zählt, ist bekannt. Wir könnten und müssten zweifellos mehr tun. So schlecht, wie die Rangliste suggeriert, ist die Schweiz aber nicht. Und die anderen Länder sind keinesfalls so gut, wie es die stolzen Zahlen vorgaukeln. Bezeichnenderweise weisen Länder wie die Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland «nur» rund 15 Prozent geschützter Fläche ihres Staatsgebietes aus.

Vielleicht wollen die Natur- und Umweltschutzorganisationen mit der (offiziellen) europäischen Statistik Bevölkerung und Politiker wachrütteln. Ob dies auf diese Weise gelingt, ist fraglich. Und der eigenen Glaubwürdigkeit dürfte es kaum dienlich sein.

 

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